Wurzelbehandlung

Hallo liebe Freunde, Bekannte, Verwandte, liebe Familie.

Heute ist es nach einer wirklich langen Pause endlich mal wieder an der Zeit für mich zu schreiben. In meinem Blog über das Leben ging es ja schon öfter auch um ziemlich ehrliche und ernste Themen und so wird es auch heute wieder sein. Ich begebe mich auf eine Reise zu meinen Wurzeln und möchte Euch gerne mitnehmen.

Irene Schmidt  *01.12.1923 + 04.10.2014

Irene Schmidt *01.12.1923 + 04.10.2014

Ein möglicher Grund dafür das ich mich ausgerechnet jetzt damit beschäftige könnte sein, dass meine Oma Anfang Oktober gestorben ist. Aber das ist eigentlich nicht der Kern, nur der Auslöser.

Der heutige Blogeintrag heißt „Wurzelbehandlung“ und das beschreibt sehr genau was ich gerade mein großes Lebensthema ist. Vergangene Woche befand ich mich in einer intensiven Seelsorge Woche, in der es darum ging, herauszufinden wo in meinem Leben schlechte Wurzeln sind. Dann ihr kennt bestimmt den Spruch „man erkennt einen Baum an seinen Früchten“. Das bedeutet, wenn man die Frucht sehen kann, weiß man welche Wurzel der Baum hat. Einige der „Früchte“ die ich in meinem Leben schon über viele Jahre hinweg sehen kann, gefallen mir nicht alle wirklich besonders gut. Das ist heute der eigentliche springende Punkt. Weil ich Früchte in meinem Leben ernte, die mir teilweise überhaupt nicht gefallen, gehe ich auf die Suche nach den Ursachen, schau mir die Wurzeln genau an.

blätterNun bin ich ja nicht mehr so ein ganz junges Bäumchen und habe über die Zeit gelernt die schlechten Früchte immer mal wieder abzuernten und weg zu schmeißen, aber aus schlechten Wurzeln kommen immer wieder schlechte Früchte, da hilft alles ernten nichts.

Wenn man Single ist, so wie ich es auch sehr lange war, hat man nicht diese eine enge Beziehung zu nur einem bestimmten Menschen und man kann fast komplett unbemerkt schlechte Früchte entsorgen und so tun als ob sie nie da gewesen wären, weil niemand Tag für Tag so nah an einem dran ist das es auffallen würde. Aber seit etwas mehr als einem Jahr bin ich nun verheiratet und so ist es in meiner Ehe immer häufiger vorgekommen, dass mir die faulen Früchte in der Hand explodiert sind und alles dreckig gemacht haben. Was für eine Sauerei!! Faules Obst hinterlässt nicht nur hässliche Flecken sondern es stinkt auch und bleibt ewig lange kleben. Und bei dem mißglückten Versuch die schlechten Früchte zu verstecken hat auch mein Mann schon oft drunter leiden müssen das heimliches wegschmeißen eben nicht funktioniert.

Natürlich habt ihr längst verstanden, dass es sich bei diesem Bild um eine Symbolik handelt. Schlechte Angewohnheiten, unschöne Verhaltensweisen, eigenartige Einstellungen und fiese Worte sind die „schlechten Früchte“ um die es geht. Mein Herz war durch Verletzungen und Enttäuschungen bitter geworden. Schmerzen und ein falscher Umgang damit führten zu Ablehnung, Distanz, Kälte, Zurückgezogenheit und Isolation. Ein Leben hinter einer dicken Schutzmauer, damit niemand mein wahres ich erkennen und noch mehr verletzen kann. Nach außen hin stark sein, auch in Stresssituationen funktionieren, aber mich innerlich total überfordert und wie ein Versager fühlen … Depressionen, Gewichtszunahme, Antriebslosigkeit, körperliche Schmerzen, Zorn auf Menschen die mich verletzten, Frustessen und viel zu hohe Erwartungen an andere. Eigentlich hat die Schutzmauer genau das Gegenteil von Schutz bewirkt!

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Von so etwas möchte man als wacher, reflektierter und bewußter Mensch eigentlich ganz viel Abstand haben, aber all das war Teil meines Lebens. Bis ich gemerkt habe, dass ich so nicht weiter leben möchte. Ich konnte mich selbst nicht mehr leiden, nicht mehr anschauen, geschweigedenn lieben. Komplimente und Lob prallten an mir ab. Mein Mann kam nicht mehr zu meinem Herzen durch und wir hatten schon öfter wirklich schwierige Zeiten.

Dabei kenne ich mich doch auch ganz anders – einen fröhlichen, liebevollen, lustigen Menschen, voll verrückter Ideen, mit einem großen Herzen für andere und dem Bedürfniss nach Annahme, nach Liebe und Geborgenheit. Wo kommen also all diese schrecklichen Dinge in mir her? Warum kommen sie alle gerade jetzt zum Vorschein und lähmen mich und verletzen andere? Vor allem die am meisten, die mich doch lieben wollen?

Dieser Frage bin ich in der Seelsorge – Woche auf den Grund gegangen und ich habe das nicht alleine getan. Ich habe mich für eine Gebets Seelsorge angemeldet bei der ich 4 Tage hintereinander jeden Tag 3 Stunden im Einzelgespräch mit einer Seelsorgerin war. Aber der wichtigste Punkt ist die Tatsache, dass Gott in diesem ganzen Prozess die Hauptrolle übernommen hat und mir mit ganz viel Sanftmut, Geduld, Liebe und mit ganz viel Weisheit von Ihm eine ganz neue Klarheit geschenkt hat. Im Gebet hat er mich an die Stellen geführt, an denen ich so viel Schmerz und Verletzung in mir hatte und habe, dass sie mich innerlich förmlich kaputt gemacht haben. In meiner Kindheit gab es immer wieder schwierige Situationen, Verluste, Verletzungen und Umstände mit denen ich und andere falsch umgegangen sind, was dazu führte, dass ich sehr viele Lügen über das Leben im allgemeinen und über mein Leben im speziellen geglaubt habe.

Diese Lügen, die ich lange Zeit geglaubt habe, waren ganz konkret:

  • Das Leben ist hart und voller Leiden bis zum Tod
  • Wenn ich nicht für mich alleine sorge, dann sorgt keiner für mich
  • Wenn ich meine Probleme nicht löse, dann löst sie keiner für mich
  • Ich bin ganz allein auf dieser Welt und niemand versteht mich wirklich
  • Ich muss stark sein und alles alleine lösen
  • Niemand sieht mich so wie ich wirklich bin
  • In meinem Leben wird es niemals möglich sein positive Veränderungen zu sehen
  • Mein Leben hat sowieso keinen Sinn
  • Gott war in all meinem Schmerz nie da
  • Ich muss Gott vor meinen Freunden verteidigen, weil er selbst nicht groß genug ist
  • Ich bin alt, krank und fett und meine Gesundheit wird nicht mehr besser werden kein Arzt kann mir helfen
  • Mein Körper ist nicht schön
  • Ich werde sowieso niemals irgendwas vernünftiges auf die Beine stellen
  • Ich brauche einen Akademischen Abschluß um meinen Herzensträumen folgen zu können
  • Ich bin nicht gut genug

Diese einzelnen Lügenbausteine habe ich um mein Herz aufgebaut wie eine Mauer, weil sie mir scheinbar Sicherheit gegeben haben. Diese Gefühlswelten voller Niedergeschlagenheit, Ablehnung, Schmerz und Einsamkeit fühlten sich vertraut an, ich fühlte mich seltsam geborgen, kannte mich aus und wußte sie einzuordnen. Aber das mich diese Wand total einengt und mir die Luft zum atmen nimmt, habe ich nicht gemerkt. Jeder Hoffnungsschimmer verging nach kurzer Zeit wieder. Die Mauer wurde immer dicker und ich saß darin gefangen, niemand konnte zu mir durchdringen, selbst Gott nicht. Ich habe sogar immer wieder Situationen geschaffen in denen ich Ablehnung erfahren konnte, denn das Gefühl von Verlassenwerden ist mir so vertraut. Doch in einer Ehe sollte Liebe, Annahme, Vertrauen und Zuneigung zueinander das Fundament sein, da kann man nicht immer wieder Situationen schaffen in denen man den Ehemann dazu bringt einem zu sagen wie hässlich man ist! Das hält kein Ehemann lange aus. Solche Lügen müssen aufgedeckt werden, ans Licht kommen und mit der Wahrheit ersetzt werden damit Heilung passieren kann und Ablehnung nicht mehr die Antwort auf Verletzungen sein kann. Verletzte Menschen verletzen andere Menschen. Geheilte Menschen können Heilung weitergeben. Ich wollte gerne heil werden.wurzeln3

Ich habe schon oft meine Lebens- und Leidensgeschichte erzählt, weil es ja schließlich Teil meines Lebens ist, dass meine Mutter viel zu früh an Krebs starb, das mein Vater völlig überfordert war, selbst auch Hilfe gebraucht hat und später dann auch viel zu früh starb. Nachdem ich in vielen Details berichtete wie ich aufgewachsen bin, wurde ich oft dafür gelobt wie gut ich mich doch trotzdem entwickelt habe, wie stark ich bin und was für ein tolles Vorbild ich sei. Aber den tief verborgenen Schmerz in mir, der für mich immernoch deutlich spürbar da war, habe ich niemanden sehen lassen, gekonnt habe ich ihn überspielt. Das Lob und die Anerkennung von anderen hat sich auch immer irgendwie falsch angefühlt für mich, denn schließlich habe ich ja nichts besonderes vollbracht um ein „guter Mensch“ zu werden, also verdiene ich auch kein Lob und keine Anerkennung für irgendetwas! Es war allein Gottes Gnade und seine Liebe, die mich all die Jahre durchgetragen hat. Die Anerkennung und Ehre wäre eigentlich für ihn gewesen. Doch er hat sie nicht bekommen, denn ich habe ihn angeklagt und beschuldigt dafür das auch er mich verlassen hat, sich nicht für mich und meinen Schmerz interessiert und somit habe ich auch seine Liebe abgewiesen, ihm die kalte Schulter gezeigt. So schafften es sogar auch Stolz und Hochmut in mein Herz einzuziehen.

Mit dem Tod meiner Oma, ist das letzte Familienmitglied in direkter Linie aus einer Generation die älter ist als ich und Verantwortung für mich hatte, gegangen. Der Tod meiner Mutter und die Unfähigkeit meines Vaters selbst damit umzugehen und mich dementsprechend nicht angemessen trösten oder versorgen zu können, waren die schlimmsten Erlebnisse in meiner Kindheit, die bis heute ihre Früchte tragen.

katastrophe

So ist der Tod meiner Oma der Zeitpunkt an dem ich anfange die Wurzeln anzuschauen und die Lügen meines Lebens auszuräumen.

Die Wahrheit, mit der alle Lügen zerbrochen werden ist ganz wunderbar!

Die Wahrheit ist,

  • dass ich geliebt bin!
  • dass ich gut bin, so wie ich bin, auch mit all meinen Fehlern!
  • dass Gott groß genug ist um mir in meinem Mangel und in meinen Sehnsüchten zu begegnen, ja sie auszufüllen und mir sogar mehr zu geben als ich erbitten kann, so dass ich nicht mehr nach Ersatzbefriedigungen schauen muss!
  • dass Gott mich nie alleine gelassen hat! Er war immer da!
  • dass er meinen tiefsten Schmerz tragen kann!
  • dass er mein Herz heilen kann und das er es auch heilen will!
  • dass er über Mauern springen kann!
  • dass er so viele gute Ideen in mein Herz gelegt hat!
  • dass er gerne möchte das diese Ideen leben und Wirklichkeit werden!
  • das er mich schon so reich gesegnet hat!
  • dass er sich über mich freut und mich total gut leiden kann!
  • dass ich seine Vergebung nicht verdient habe, aber er schenkt sie mir trotzdem!
  • dass ich nichts tun kann um ihn davon zu überzeugen das ich blöd bin, er glaubt mir das nicht, denn er findet mich toll!
  • dass ich nichts tun muss um ihm noch mehr zu gefallen!
  • dass Gott mich gemacht hat und das er mich am allerbesten kennt!
  • dass Gott sich danach sehnt mir in all meiner Not zu begegnen und zu helfen!
  • dass er alte, schlechte und faule Wurzeln ausreissen kann!
  • dass Gott einfach mal ganz schön großartig ist!
  • dass seine Liebe auch mein Leben zum Positiven verändern kann! Und er hat schon längst angefangen damit!
  • dass er mich liebt und dass ich nicht erst perfekt sein muss bevor er mich lieben kann!
  • dass Heilung ein Prozess ist und es wird immer wieder Punkte geben, an denen es weh tut, aber Gott hat versprochen dass er mich niemals alleine lässt und ich glaube an das was er mir versprochen hat, denn sonst wäre ich schon längst nicht mehr hier.

sternchenchen

Auf diese Weise wird in meinem Leben ganz eindeutig klar, dass ich ohne Gott nicht leben kann, dass ich ihn brauche und dass er sehr wohl eine Alltagsrelevanz in meinem Leben hat, genauso wie die Luft in meiner Lunge. Ich kann die Atemluft nicht sehen, aber sie ist Lebenswichtig! Und genauso ist es mit Gott. Solche Entdeckungsreisen ins tiefste Innere sind nicht angenehm, nicht leicht und auch kein Zuckerschlecken, aber sie sind notwendig um schlechte Wurzen auszureißen. Ich kann und will mein Leben nicht auf Lügen aufbauen! Das wäre das schlechteste Fundament für eine Ehe und eine Familie! Deshalb habe ich die Entscheidung getroffen mich auf die Reise zu begeben zu den Wurzeln, die immer wieder in meinem Leben solche schlechten Früchte hervorgebracht haben. Das bedeutet allerdings auf gar keinen Fall dass mein komplettes Leben bisher nur schlecht war! Das zu glauben wäre eine weitere Lüge! Es gibt sehr sehr sehr viel Gutes in meinem Leben! Einige wirklich wertvolle und tolle Menschen begleiten mich schon viele Jahre und ich bin unendlich dankbar für Freundschaften, die ehrlich und echt sind, die schon so manche heftige Krise überstanden haben und die einfach so wunderbar sind. Ich durfte auch als Kind viel Segen erfahren und nun gilt es das wiederzuentdecken, damit Wasserbäche in der Wüste fliessen können und die Wüste wieder leben kann. Ich befinde mich noch immer auf dem Weg, aber ich weiß, dass Gott mitgeht. Er geht mir voran und zeigt mir wo es langgeht. Er tröstet mich, er heilt alle meine Verletzungen, er hält mein Herz in seiner Hand, er versorgt mich, weil er mich liebt. Ich bin sein Kind und in seinen Augen bin ich wertvoll. Er hat die verrücktesten Pläne für mein Leben und wenn die Wurzelbehandlung vorbei ist, werde ich das strahlendste Lächeln von allen haben. Weil ich weiß, dass ich es nie alleine geschafft hätte. Gott ist ziemlich genial, er hat mich niemals aufgegeben!

sternchen

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2 Antworten zu “Wurzelbehandlung

  1. Lange nicht gehört von mir, aber ich lese gern von Dir und Deiner Entwicklung. Da ich selber an der Ausbildung Gebetsseelsorge teilgenommen habe und versuche anderen Menschen damit zu helfen, versteh ich Dich total und freue mich sehr für Dich und diese Wurzelbehandlung. Danke für Deine immer sehr persönlichen , offenen Umgang damit.
    Lieben Gruß von Jutta

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