Mama Mia

In ziemlich genau einer Woche ist mein Geburtstag. Der Tag an dem ich von meiner Mama geboren wurde. Ich werde 36. Genau so alt war meine Mama als sie mich bekommen hat, ihr drittes Kind. Ich habe in ihrem Alter mein erstes Kind und ich vermisse meine Mama sehr.

Heute möchte ich über meine Mama schreiben, denn seitdem ich selbst ein Kind habe denke ich sehr oft an sie. Ich erinnere mich nur noch schemenhaft an die Frau der ich mein Leben verdanke. Verblasste Erinnerungen werden jetzt wieder deutlicher und die alte Wunde von Verlust und Trauer schmerzt nach so langer Zeit wieder neu. Meine Mutti, so haben wir Kinder sie immer genannt, sie lebt nicht mehr.

Genau wie ich war Edelgard Elisabeth Sonnenberg das jüngste von drei Kindern. Genau wie ich hatte sie einen ältesten Bruder und eine ältere Schwester. In einem alten Photoalbum kleben schwarz/weiß Bilder mit einem riffeligen weißen Rand. Darauf sieht sie aus wie ich. Auf einem Bild sieht man sie mit einer Kamera in der Hand, auf einem anderen kuschelt sie mit einem Pferd. Es gibt nur ein einziges Photo in diesem Album auf dem unsere ganze Familie zu sehen ist. Die Zeit mit ihr war viel zu kurz und ist schon viel zu lange her. Meine Mutti starb als ich 10 Jahre alt war.

Genau wie ich hat meine Mutti als erstes Kind einen Sohn bekommen. Bei der Geburt von meinem Sohn gab es eine Moment an dem der Wehenschmerz so groß war, dass ich nach ihr rief. Auch in den Wochen nach der Geburt hab ich mir so oft gewünscht sie wäre hier bei mir. Wir hätten darüber reden können wie es ihr ging als sie mich zur Welt brachte, wie ich als Baby war, wie sie es geschafft hat ihre Ehe, drei Kinder, ein riesiges Haus mit Hof und einem Schrebergarten (in dem sie selbst Obst und Gemüse anbaute), haufenweise Haustieren und einer Selbstständigkeit als Fußpflegerin zu managen. Ohne Zweifel war meine Mama eine Löwenmutti, eine Powerfrau. Ich ging nicht in den Kindergarten sondern war bis zum Schulanfang bei ihr zu Hause. Während sie ihren Kunden bei uns zu Hause im Wohnzimmer eine professionelle medizinische Fußpflege gab, saß ich am Tisch und hab gemalt. Wir verbrachten viel Zeit zusammen in der Küche und dort stellte ich ihr die wirklich wichtigen Fragen des Lebens, Fragen die eine  5 jährige eben beschäftigen. Vielleicht koche ich heute so gerne, weil mich die Küche an gute Zeiten mit meiner Mama erinnert.

Meine Mama hat mir eine schöne Kindheit bereitet. Wir waren oft zusammen im Urlaub. Im Sommer waren wir in Ketzin an der Havel, im Herbst und im Winter in Großbreitenbach im Thüringer Wald. Sie hat die besten Geburtstags Partys organisiert. Mir war nie langweilig und es gab tolle Abenteuer zu erleben. Wir hatten in unserem uralten Bauernhaus mit Ofenheizung regelmäßig Gäste, einmal sogar 2 Afrikaner! Und das in der DDR. Als ich in die Schule kam setzte sich meine Mutti aktiv dafür ein, dass ich kein Jung Pionier wurde, da sie ihren Glauben an Gott sehr bewußt lebte. Dem Direktor sagte sie, dass ihre Kinder nicht Ernst Thälmann folgen, sondern Jesus Christus. Sie machte mit dem Tierpfleger im Zoo eine Vereinbarung darüber, dass ich jeden Tag zum Hintereingang reinkommen durfte um mich um die Ponies zu kümmern und reiten zu lernen. Sie zeigte mir wie man strickt und häkelt, wie man näht und Wäsche bügelt. Sie war die allerbeste Mutti der Welt!

Als ich 6 Jahre alt war nahm unser Leben eine Wendung. Meine Mutti erkrankte an Brustkrebs. Wir waren oft im Krankenhaus, die Brust wurde amputiert und es folgten qualvolle Wochen mit Chemotherapie. Die Haare fielen ihr aus und sie war schwach. Der Besuch im Krankenhaus wurde etwas alltägliches und ich gewöhnte mich an den Geruch und die Geräusche. Manchmal wünschte ich mir auch krank zu sein, damit ich wieder etwas mehr Aufmerksamkeit bekäme. Vielleicht bin ich Krankenschwester geworden weil der Alltag in einem Krankenhaus schon so früh so vertraut wurde und weil er mich an meine Mutti erinnerte?

Nach der Therapie ging es ihr ein paar Jahre wieder besser. Doch dann wurde ein neuer Tumor gefunden. Zwischen Speiseröhre und Luftröhre lag er an einer Stelle die nicht operiert werden konnte. Wieder Chemo, wieder Glatze, wieder Krankenhaus. Meine Eltern sprachen darüber was mit uns Kindern werden würde in dem Fall, dass sie nicht mehr gesund würde. Uns erzählten sie nichts davon. Dass Krebs auch dazu führen kann, dass man stirbt, das hab ich nie verstanden. Wir fuhren oft zu christlichen Konferenzen bei denen über Heilung gepredigt wurde. Meine Mama war überzeugt davon, dass Gott sie heilen würde und wir haben auch viele kleine Wunder erlebt. Eines Abends ging es Mutti wieder schlechter, sie musste viel husten, das Taschentuch war danach rot von Blut. Sie fuhr mit meinem Papa ins Krankenhaus, wir Kinder tollten weiter auf dem Sofa rum und sagten nur so ganz nebenbei Tschüß, bis morgen, wir kommen dich dann im Krankenhaus besuchen, so wie immer. Mein Vati kam recht bald zurück, damit wir nicht alleine waren. In dieser Nacht ist sie gestorben. Ganz allein im Krankenhaus. Vielleicht habe ich als Krankenschwester am liebsten mit krebskranken Patienten gearbeitet um den Abschied von meiner Mutter, der kein Abschied war, besser machen zu können. Vielleicht wollte ich anderen Menschen dabei helfen sich auf den Tod vorzubereiten, damit sie davon nicht so schmerzhaft überrascht werden müssten, wie ich. Vielleicht wollte ich denen, die zurück bleiben, Hoffnung geben und Trost, denn ich habe erlebt wie das Leben einfach gnadenlos weitergeht. Das Konzept von Tod und sterben hat mir niemand richtig erklären können. Vielleicht wollte ich ihnen sagen das es wichtig ist zu Trauern. Ich trauere jetzt noch einmal neu um meine Mutti. Sie fehlt mir.

Während ich das mit Tränen im Gesicht schreibe wird mein Sohn neben mir langsam wach, sieht mich an, gähnt ausgiebig und lacht. Er hätte seine Oma Edelgard sehr gemocht. Sie hätte ihm aus der Bibel vorgelesen und mit ihm Plätzchen gebacken. Sie hätte sich in seinem Gesicht wiedererkannt. Philemon ist so ein süßer Knopf und manchmal erinnert er mich an meine Mama. Der Bibelvers für dieses Jahr heißt: „Ich will Euch trösten wie einen seine Mutter tröstet“. Wie passend für mich und mein trauerndes Herz. Doch auch passend für mich als Mutter, denn ich versteh es jetzt viel besser wie sehr mein Sohn mich braucht. Und ich verstehe besser wie sehr es Gott schmerzt wenn wir traurig sind, er will uns trösten. Wie sehr wünschte ich doch das meine Mutti ihren Enkel kennen gelernt hätte. Doch das wird wohl erst später passieren, wenn wir uns einmal im Himmel wiedersehen.

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Ich möchte als Mama für meinen Sohn viele viele Momente schaffen, an die er sich gerne zurück erinnert wenn ich einmal nicht mehr lebe. Ich möchte ihn zum lachen bringen so oft es geht, ich möchte ihn trösten, ihn mit Liebe überhäufen, ihm Geborgenheit und Sicherheit geben. Ich werde sicher Fehler machen bei dem Versuch ihm ein gutes Leben zu ermöglichen, aber ich gebe mein Bestes um ihn glücklich zu sehen. Philemon ist ein wunderbarer kleiner Junge. Ich liebe ihn von ganzem Herzen. Ich will ihm die beste Mama sein die er haben kann.

 

Wenn deine Mama noch lebt, dann warte nicht lange um ihr zu sagen wie sehr Du sie lieb hast. Nicht nur einmal im Jahr oder zweimal, sondern jeden Tag. Ich wünschte ich könnte meiner Mama sagen wie sehr ich sie vermisse.

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2 Antworten zu “Mama Mia

  1. Wunderbar gefühlvoll in Worte gefasst – Deine Mama ist da – was für ein Glück für Philemon mit so viel Liebe aufzuwachsen – welche starke Basis für später. Euch Dreien von ganzem Herzen alles, alles Gute.

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